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Da ich mich künstlerisch (und auch als Mensch und Bürger) mit der aktuellen Krise auseinander gesetzt habe, will ich einige Gedanken präsentieren bevor ich in Folge Kunstwerke dazu zeige.

Ich denke man kann das Thema auf 2 Ebenen diskutieren, faktisch mittels Daten und ethisch/philosophisch. Die offizielle Diskussion über die Erkrankung COViD19 ist von einer spannenden Divergenz aus einerseits wirtschaftlicher Argumentation per Ressourcen (wir haben nur so viel Infrastruktur) und andererseits medial transportierter Psychologie der Angst dominiert.

Der Mechanismus der Ansteckung ist bereits genau bekannt und wurde vom Leiter der AGES kürzlich wiederholt [1]. Man versucht nun durch die Isolation in ein nicht-exponentielles Wachstum zu kommen. Die schon aus China gut bekannte starke Altersabhängigkeit der Krankheit ist bis dato aber nicht in die Strategie der Regierung eingeflossen. Ich halte das für einen großen Fehler. Denn auf lange Frist macht diese Strategie, sich vor dem Virus zu verstecken, keinen Sinn, wie Fr. Mai nach einer guten Analyse der Situation zugibt [2] und laut Dr Streeck fehlen auch seriöse Daten [3]. Mein Vorschlag wäre eine gezielte, schrittweise und altersabhängige Aufhebung der Isolation (junge Menschen ohne Vorerkrankungen haben kaum Symptome oder nur leichte Verläufe) mit intensiven Kontakten zur schnellen Immunisierung [4]. Möglichkeiten der altersabhängigen Simulationen gibt es [5]. So könnten wir vielleicht im Herbst für eine Rückkehr von Covid19 gewappnet sein, mit schneller Entwarnung für alle. Allerdings gibt es zur Gefährlichkeit von Covid19 generell einige Zweifel prominenter Wissenschaftler [6], die Zukunft wird es zeigen.

Zieht man die Isolation in die Länge, wird der Kollaps des Wirtschafts- und damit auch des Gesellschaftssystems riskiert. Wir haben bereits jetzt die höchste Arbeitslosigkeit seit 1945, als Langzeitfolgen fürchte ich eine deutliche Umverteilung von unten nach oben und eine Reduktion der Maßnahmen gegen den Klimawandel, um nur 2 Details zu nennen. Es müssen hier alle Bedrohungen in das Krisenmanagement einfließen.


Die philosophische Dimension betrifft, wie wir mit unseren Werten umgehen. Die Maßnahmen orientieren sich stark an Selbstkontrolle durch Angst. Es wird der Ansatz gewählt, der die Rechte der Bürger*innen am meisten einschränkt. Beispiele sind die Schuldsvermutung (jeder kann ein Überträger sein), die auf dem Modell des unmündigen Bürgers fußt. Statt Wissen über Hygiene und Gesundheit (die sträflich seit jeher im Schulunterricht versäumt wurden) zu verbreiten wird verboten und bestraft. Interessanterweise machen die Menschen willig mit, kleffen und hetzen auf sozialen Medien wenn Kritik an den Maßnahmen geäußert wird (anfangs gab es sie kaum), anstatt über den Versuch zu lachen, Gesetze zu erlassen die kaum überprüfbar sind – wer von euch würde denn glauben, dass man nicht weiter die/den Geliebte/n trifft – und mit Humor der Regierung ausrichten: keine Angst, wir sind erwachsen, wir schauen auf unsere Hygiene. Oder trauen wir uns das nicht zu? Die Einführung einer Überwachungs-App ist ein ähnliches Beispiel, von der technischen Sinnhaftigkeit zur Verfolgung der Ausbreitung nachvollziehbar, jedoch eine höchst gefährliche Sache. Nicht weil Überwachung heute nicht geht, sondern weil sie vielleicht in die Verfassung kommt.

Es geht um die große Frage: welches Risiko wollen wir für unsere Freiheit zahlen. Die Regierung argumentiert materialistisch mit ihren Ressourcen, dass sie sonst nicht alle behandeln könne – als wäre sie seit jeher ein Wohltätigkeitsverein und jeder hätte hier im Land bekommen, was er gewollt hat. Interessant finde ich, dass sie anscheinend nicht andenken die Anzahl der Intensivbetten (zB mittels modularem System) zu erhöhen – die Milliarden Verluste der Wirtschaft wären da besser investiert.

Frühere Generationen haben für ihren Kampf um Freiheit und Menschlichkeit ein viel höheres Risiko in Kauf genommen, als es jetzt Covid19 einfordert. Ich denke sie würden sich schämen, wenn sie unser Verhalten sehen könnten. Provokativ gefragt: Sollen wir jetzt diese Grundlagen für eine Krankheit (von wer weiß wie vielen zukünftigen) über Bord werfen? Und wenn ja, mit welcher Begründung? Geht es tatsächlich um Solidarität? Keinesfalls, meine ich. Ich habe ungefähr ab dem 18.3. begonnen, systematisch Freund*innen, Bekannt*innen und Künstler*innen anzurufen, und die meisten teilten meine Erfahrung, dass kaum wer sie kontaktierte um sich auszutauschen. Vielleicht war das auch Zufall. Daher ein weiterer Versuch: 8 Mio Menschen sterben jährlich durch Hunger auf der Erde, und wahrscheinlich noch viel mehr durch Krankheiten und Kriege. Woher kommen die verheerenden Lebensumstände, woher die Waffen? Vielleicht habt ihr es schon erraten, von postkolonialistischen Konstrukten unserer westlichen Welt. Haben wir deshalb jemals eine solche Krise wie jetzt eingeleitet? Haben wir uns die Reisen oder Autofahren, Konsum der von Arbeitssklaven hergestellten Billigprodukte verboten?

Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht für mehr Verbote, eine freie Gesellschaft muss sich gewisse Risiken leisten und eben deshalb auf Verhältnismäßigkeit, Fairness etc. schauen. Unser Gehorsam in der Krise war aber höchstens ein nationalistischer Gottesdienst mit „I am from Austria“ als Vater Unser. Wäre es echte Solidarität gewesen, dann wäre diese Krise im Schatten weltweiter völlig untergegangen.

Zur Orientierung, ob uns das Risiko für unsere Freiheit einfach zu hoch ist, müssen wir ein korrektes Bild aller möglicher Bedrohungen in Betracht ziehen und uns damit unserer Verletzlichkeit und Sterblichkeit bewusst werden. Wir tun so, als hätten wir gerade den Tod entdeckt. Jedoch sterben jedes Jahr in Österreich „regulär“ rund 90000 Menschen [7] und die Medizin kann es nicht verhindern. Wir sollten das akzeptieren, wir haben auch keine andere Wahl. Das Gute daran: wir leben so lange wie noch nie in der Menschheitsgeschichte und die Endlichkeit des Lebens gibt dem, was wir tun, erst eine Bedeutung.

Die derzeitige Krise ist durchaus interessant, zeigt sie uns doch, dass wir scheinbar Werten wie Freiheit und Menschlichkeit keinen großen Wert beimessen, vielleicht weil wir uns unseres Lebensstandards so sicher sind. Oder weil die Freiheit auf einem „nicht haben“ beruht, wir haben keine Armut, Unterdrückung, wenig Einschränkungen und können diese Gefahren daher nicht einschätzen. Und doch leben wir scheinbar in einer Diktatur, nämlich dem Diktat unserer Vorstellung von vorgefertigter Erfüllungs-Gesellschaft, die uns als großer Versorger gegenüber steht – die werden schon alles richten. Das sollten wir loswerden, an der Gesellschaft also aktiv mitgestalten, sonst wird es keine echte Freiheit (im Kopf) geben. Sollte der Lebensstandard schwinden, haben wir dann immer noch unsere Freiheit.

Quellen:

  1. https://kurier.at/wissen/gesundheit/das-virus-hat-keine-fluegel/400801274?utm_medium=Social&utm_source=Facebook&fbclid=IwAR2vNz7aIZQZHvn2mtMIZYCKpTiktjYIwx1NRB1F1NNZJjrXxXPA3EAxlJM#Echobox=1585841698
  2. https://www.swr3.de/aktuell/Mailab-erklaert-den-Corona-Stand-in-Deutschland/-/id=4382120/did=5593622/1unoh7c/index.html
  3. Interview Dr. Streeck bei ZDF heute, https://www.youtube.com/watch?v=VP7La2bkOMo
  4. https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-affen-nach-ueberstandener-covid-19-erkranknung-immun-a-17d7d217-433d-4851-81fd-cb52f74506cd
  5. http://www.dexhelpp.at/de/news/wie-man-die-epidemie-berechnen-kann/
  6. Interview Prof. Dr. Stefan Hockertz https://www.wallstreet-online.de/nachricht/12348072-immunologe-hockertz-interview-full-stop-volkswirtschaften-endlich-wissensbasiert-vernuenftig-handeln
  7. Todesursachen im Überblick https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/todesursachen/todesursachen_im_ueberblick/index.html